„If Fistula was a condition affecting men, would it have taken us this long to do something about it?“
Dr. Eunice Kiereini, Chairperson, Flying Doctors‘ Society of Africa
Sarah Omwenga hätte leicht als Chirurgin durchgehen können, als sie im Ende 2009 bei der Konferenz der „International Society of Obstetric Fistula Surgeons“ (ISOF) das Podium betrat. Als sie zu sprechen begann, wurden die Teilnehmer aus Afrika, Asien, Europa und Amerika still und schenkten der jungen kenyanischen Frau ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
Sarah berichtete über ihren Leidensweg mit der vesiko-vaginalen Fistel, kurz VVF. Dieser Zustand wird durch lang dauernde Wehen verursacht und bewirkt, dass eine Frau harninkontinent wird, manchmal auch stuhlinkontinent. Besonders anfällig sind extrem junge Mütter, deren Körper für eine Schwangerschaft und Geburt eigentlich noch nicht bereit sind, und Frauen, die während der Schwangerschaft und Geburt keine qualifizierte Betreuung erfahren.
Sarah wurde als Teenager schwanger, nachdem sie vergewaltigt worden war.
„Ich lag zuhause 20 Stunden in den Wehen, dann wurde ich zur örtlichen Armenklinik gebracht, wo ich weitere 18 Stunden Wehen hatte. Als das Kind endlich geboren wurde, war es tot“, erzählte sie.
Drei Tage nach der Geburt wurde ihr klar, dass sie ihren Urin nicht kontrollieren konnte. „Ich blieb zwei Monate lang im Krankenhaus und hoffte auf Heilung, aber mir wurde mitgeteilt, dass mein Zustand einen Arzt von außerhalb erfordern würde.“ Ohne Geld für eine Operation ging sie schließlich nach Hause und damit
in die Isolation.
„Meine Nächte waren voller Tränen. Ich fühlte mich gefangen, einsam und niedergeschlagen.“ Zwölf Jahre lang litt sie unter Schmerzen im Genitalbereich und unter dem ständig präsenten Uringeruch. Durch die andauernde Isolation und Scham wurde Sarah depressiv und wurde 2007 in die psychiatrische Abteilung des Moi Referral Hospital eingewiesen. Dort erzählte ihr ein Arzt, dass ihre Fistel in diesem Krankenhaus behandelt werden könne. Sarah war völlig überwältigt.
„Nach der Operation habe ich mein Leben und meine Würde wiedererlangt. Ich habe ein körperliches und emotionales Trauma überlebt und lege nun Zeugnis dafür ab, wie unser Gesundheitssystem versagt hat. Ich spreche jetzt im Namen von zerstörten Familien und Kindern, die durch den Tod ihrer Mutter erschüttert wurden“.
Sarahs Geschichte zeigt den Kampf von mehr als zwei Millionen Frauen weltweit, die mit einer Vesico-Vaginalen Fistel (VVF) leben. Heute ist sie eine Botschafterin für den United Nations Population Fund (UNFPA), und sie erhebt ihre Stimme in einer globalen Kampagne zur Eliminierung dieses Leidens, und zur Wiederherstellung der Würde der Frauen, die in Stille an einem Zustand leiden, der verhindert und kuriert werden könnte.
Die dreitägige Konferenz, bei der AMREF die Rolle des Gastgebers übernahm, hat zum Ziel, Wissen bezüglich der Prävention und Behandlung eines Leidens zu teilen, das vor allem Entwicklungsländer und speziell Afrika betrifft.
Von Kenya bis Pakistan ist die Geschichte die gleiche: mehr Frauen entwickeln Fisteln, weil die Gesundheitssysteme der Entwicklungsländer nur geringe finanzielle Mittel haben und für die meisten Frauen aus ländlichen Gebieten unerreichbar und zu teuer sind. Tausende Leben werden durch die geringe Aufmerksamkeit zerstört, die Mütter von nicht ausgebildeten Hebammen und in mangelhaft ausgestatteten Einrichtungen erhalten.
Der Vorsitzende der Konferenz, Dr. Weston Khisa Wakasiaka ist Chirurg bei AMREF und im Outreach tätig. Ihm zufolge treten 90 % aller Vesico-Vaginalfisteln in Afrika auf.
„Fisteln sind in Afrika mit dem Stand des Gesundheitssystems, mit Mangelernährung, Armut und Ignoranz verknüpft. Frauen müssen mit Wissen und Ressourcen in die Lage versetzt werden, ihre Gesundheit zu verbessern“, sagte Dr. Wakasiaka.
Statistiken, die bei der Koferenz präsentiert wurden, zeigten, dass Frauen aus ländlichen Gebieten am meisten von Fisteln betroffen waren, wobei kulturelle und Umwelt-Faktoren sie besonders anfällig machten. So müssen Frauen in Äthiopien teilweise bis zu drei Tage laufen, um Gesundheitseinrichtunen zu erreichen. „Sogar wenn sie öffentliche Verkehrsmittel in Anspruch nehmen können, finden das viele auf Grund ihrer Inkontinenz unmöglich“, beobachtete Amare Desta, ein Public Health Officer im Yirgalem Hamlin Fistula Centre in Äthiopien.
Die Situation wird durch kulturelle Faktoren erschwert, fügte Desta hinzu, weil Männer ihren Frauen oftmals verbieten, medizinische Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen, und sie statt dessen das Land bestellen müssen. Mindestens 9.000 äthiopische Frauen entwickeln jedes Jahr eine Vesico-vaginale Fistel. Desta glaubt, dass Public Awareness Kampagnen verstärkt werden müssen, damit dieses Leiden stärker wahr- und ernstgenommen wird.
„Obwohl viele Männer und Frauen über VVF gehört haben, wissen sie nichts über die Risikofaktoren. Außerdem leben die meisten der Betroffenen in ländlichen Gebieten, wo sie keinen Zugang zu Gesundheitseinrichtungen haben“, beobachtete Dr. Julius Onesmo in Tanzania.
Von AMREF durchgeführte Studien im Kibwezi District, Kenya, zeigten einen hohen Grad an Wissen über die Wichtigkeit, während der Schwangerschaft und Geburt medizinische Dienste in Anspruch zu nehmen, aber die Frauen wurden durch die großen Entfernungen zu den medizinischen Einrichtungen an der Inanspruchnahme gehindert.
„Frauen lehnen es nicht ab, ihre Kinder in medizinischen Einrichtungen zu bekommen. Die meisten können aber diese Einrichtungen nicht erreichen, und selbst wenn die Distanz nicht zu groß ist, können sie sich die Kosten der medizinischen Versorgung nicht leisten“, betonte Dr. Johnson Musomi von AMREFs Clinical Outreach Programm.
Jane Makona, eine Krankenschwester im öffentlichen Dienst, fürchtet, dass Komplikationen wie die VVF Frauen in den ländlichen Gegenden Afrikas das Leben auch weiterhin zur Qual machen werden. Makona arbeitet seit 20 Jahren als Krankenschwester, und sie hat das Wachstum der Bevölkerung beobachtet, dem kein Wachstum bei den Gesundheitseinrichtunen gegenübersteht.
„Die Frauen verlassen sich auf traditionelle Hebammen, weil sie sie mit Mais oder Huhn bezahlen können. Die Tragödie ist, dass die meisten dieser traditionellen Geburtshelfer nicht darin ausgebildet sind, Komplikationen wie die VVF zu diagnostizieren oder zu verhindern.
Dr. Anne Wamae ist die Leiterin für „Child and Adolescent Health“ beim kenyanischen Gesundheitsministerium. Sie meint, dass sogar in den Fällen, wo Kinder nach einer langen und schlecht betreuten Geburt überleben, sie oft Gehirnschäden oder verzögertes Wachstum aufweisen. „Wir integrieren VVF in unsere Initiativen und versorgen Hospitäler im ganzen Land mit medizinischer Ausrüstung und qualifiziertem Personal, um VVF zu behandeln,“ sagte Dr. Wamae.
Eine Anzahl von örtlichen, regionalen und internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen bemühten sich, die Anstrengungen der Regierung zu unterstützen, aber es werden mehr Ressourcen benötigt, um VVF zu eliminieren. In Kenya ist AMREF seit 1992 an vorderster Front tätig, sowohl in der Bewusstseinsbildung über VVF als auch bei der Behandlung. Jedes Jahr behandelt AMREF 2.000 Fälle von VVF in Ostafrika.
„Wir möchten so viel Health Worker als möglich ausbilden, so dass sie die VVF-Operation durchführen können. Aktuell werden 80 % der Operationen von medizinischen Spezialisten der Länder ausgeführt, wo wir tätig sind, und wir assistieren lediglich, wenn Komplikationen auftreten“, sagte Mette Kjaer, Country Director von AMREF in Kenya.
Dr. Festus Ilako, Head of Programmes and Deputy Country Director von AMREF in Kenya, stellte fest, dass die Zuammenarbeit mit den Gemeinden und der Bevölkerung bei der Prävention und Behandlung von VVF-Fällen ausschlaggebend ist.







